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Gesellschaft und Corona-Krise: Wo ist die Politikwissenschaft geblieben?

Den Entscheidungsspielraum der Politik mit fundierten Alternativen erweitern. (Taha Ajmi /unsplash)

Vieles ist ausserordentlich an der aktuellen Lage! Dazu gehört die Bedeutung, welche die Wissenschaft plötzlich für die politische Entscheidungsfindung hat. Während in den letzten Jahren vor allem der fehlende Einfluss der Wissenschaft in der Politik lamentiert wurde1, rennen die Politiker/innen nun den Wissenschafter/-innen die Türen ein!
Am 31. März hat der Schweizer Bundesrat eine nationale «Covid-19 Science Task Force» ernannt. Sie besteht aus über 50 namhaften Expert/-innen. Auffällig ist, dass das Gremium weitgehend ohne politikwissenschaftliche Kompetenz auszukommt. Hat die Politikwissenschaft zum Thema nichts zu bieten?
Doch, es ist ja gerade Aufgabe der Politikwissenschaft, Entscheidungen von Politiker/-innen nicht nur zu verstehen, sondern auch zu unterstützen. Die Politikwissenschaft wirft relevante Fragen zum Verhältnis von Politik und Gesellschaft auf und liefert Beiträge zu deren Beantwortung.

Wie lässt sich der Beitrag von Expert/-innen zu politischen Entscheidungen demokratisch legitimieren?

Die Politik wünscht sich von den Expert/-innen wissenschaftliche Evidenz, damit wirksames politisches Handeln leichter fällt. Ziel wissenschaftlicher Tätigkeit ist aber nicht nur die Vermittlung von möglichst zuverlässigen Informationen, sondern auch organisierte Skepsis, Zweifel und Falsifizierung. Das haben David Collingridge und Colin Reeve 1986 in ihrem wegweisenden Buch «Science Speaks to Power»2 betont. Auf welcher Grundlage beraten Wissenschafter/-innen dann die Politik? Die Frage stellt sich umso dringlicher, weil Wissenschafter/-innen ohne demokratische Legitimation einen grossen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.

Die politikwissenschaftliche Forschung zu den Möglichkeiten und Grenzen «evidenzbasierter Politik» zeigt auf, dass Wissenschafter/-innen in der Politikberatung unterschiedliche Rollen einnehmen und sowohl ihre methodischen Annahmen wie auch ihre politische Haltung unterschiedlich transparent machen können. Mich überzeugt die Rolle des «Honest Brokers of Policy Alternatives» am meisten. Dieser erweitert den Entscheidungsspielraum der Politik mit fundierten Alternativen. Er engt ihn nicht ein, indem er seine Präferenzen priorisiert. Auch legt er seine Annahmen offen dar und konfrontiert seine «Prognosen» im Nachhinein mit der Realität – eine Qualität, die einzelnen Wissenschaftlern heute abgeht. Auf diese Weise werden auch die Grenzen wissenschaftlicher Evidenz gegen aussen transparent. Es ist wichtig, dass den Entscheidungsträgern bewusst ist, wie sie mit Experten/-innen interagieren und dass es letztlich an der Politik ist, zu entscheiden.

"Es ist wichtig, dass den Entscheidungsträgern bewusst ist, wie sie mit Experten/-innen interagieren und dass es letztlich an der Politik ist, zu entscheiden".

Wie können wir sicherstellen, dass sich die Bevölkerung auch längerfristig an die Covid-19-Massnahmen hält?

Die Corona-Krise ist eine Herausforderung für das kollektive Handeln. Dabei geht es um die Abwägung gesellschaftlicher und individueller Interessen. Wie kann sichergestellt werden, dass Individuen staatliche Anweisungen respektieren?
Die Politikwissenschaft liefert Antworten: Akzeptanz ist Vertrauenssache! Politik schafft Vertrauen durch neutrale Information und den Einbezug der Betroffenen in die Entscheidungsprozesse. Wichtig ist, dass auch bei aller Dringlichkeit über grundsätzliche Fragen debattiert wird. Was ist wichtiger für die sogenannten Risikogruppen, mehr Lebensjahre oder soziale Kontakte? Wie viel Eingriff in unsere Privatsphäre durch eine Corona-App ist gerechtfertigt? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen gibt nicht die Wissenschaft, sondern die Gesellschaft selber: im Diskurs! Die anschliessend getroffenen Entscheidungen haben ein hohes Potenzial, akzeptiert und befolgt zu werden.

Gesellschaft und Corona-Krise: Was lernen wir daraus?

Wir müssen uns vertieft mit der Rolle von Expert/-innen in der aktuellen Situation auseinandersetzen. Sonst verliert die Gesellschaft das Vertrauen in die politischen Entscheidungen. Die Politikwissenschaft kann diese Debatte unterstützen.

Fussnoten

1 Zum fehlenden Einfluss der Wissenschaft in der Politik :

2 Science Speaks to Power: The Role of Experts in Policy Making. Front Cover. David Collingridge, Colin Reeve. Pinter, 1986

3 Roger A. Pielke: https://www.cambridge.org/core/books/honest-broker/A41AD4D7D14077165807DBE057B5FAF9

 

Andreas Balthasar

Andreas Balthasar

Der Politikwissenschaftler Andreas Balthasar hat an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern habilitiert. 1991 gründete er Interface Politikstudien Forschung Beratung GmbH. Er ist als Evaluator und Strategieberater für Bundesämter, kantonale und kommunale Stellen sowie für Stiftungen tätig. Des Weiteren ist er Mitglied der Institutsleitung des Seminars für Politikwissenschaft und des Departements für Gesundheitswissenschaften und Medizin der Universität Luzern. Andreas Balthasar forscht insbesondere zu Themen der Gesundheitsversorgung und der evidenzbasierten Politikgestaltung.

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Kommentare

Kommentar von Heinz Niederberger

Lieber Herr Balthasar,

Ganz herzlichen Dank für den Beitrag!

Es ist ausserordentlich wichtig wenn diese Diskussion breit und offen geführt wird. Ist dies auch eine Chance über andere, ethische und wirtschaftlichen Fragen unseres Gesundheitssystems zu diskutieren. Mit den immer neuen Möglichkeiten der Medizin ergeben sich neue Fragen. Diese sollen von der Bevölkerung mitdiskutiert werden.

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