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Psycho-soziale Auswirkungen der Corona-Krise: Sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen?

Werden sich die psycho-sozialen Folgen der Pandemie erst später zeigen? (Foto: Jon Tyson / unsplash)

Einige Bevölkerungsgruppen hat die Corona-Pandemie hart getroffen. Etliche haben ihren Arbeitsplatz oder Aufträge verloren, etwa ein Drittel der Erwerbstätigen fürchtete im Sommer um den Arbeitsplatz, viele müssen mit Gehaltseinbussen leben (Quelle 1, weiter unten). Betrachtet man jedoch das subjektive Befinden der Schweizer Bevölkerung, scheint es, als hätten die Menschen die Krise bisher im Grossen und Ganzen gut verkraftet. Die Bevölkerung ist im Schnitt zufrieden mit ihrem Leben und macht sich relativ wenig Sorgen um Finanzen oder die Gesundheit (2, 3). Zwar ist die Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt und den eigenen sozialen Kontakten im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie gesunken. Die Zufriedenheit mit dem Zusammenhalt und der Unterstützung in der Nachbarschaft ist jedoch gestiegen (2). Jede*r Dritte berichtet von einer Stärkung der Familie und/oder Partnerschaft (1). Die Menschen scheinen trotz «räumlicher Distanzierung» näher zusammengerückt zu sein.

Die Fokussierung auf wenige direkte soziale Kontakte während des Lockdowns im Frühjahr zusammen mit den zusätzlichen Belastungen durch die Pandemie können jedoch auch zu Spannungen und Konflikten bishin zu Aggressionen führen. Recht früh wurde entsprechend vor einer Zunahme häuslicher Gewalt gewarnt. Und tatsächlich berichtete etwa jede*r Fünfte mit Kindern unter 16 Jahren von mehr innerfamiliären Spannungen und Konflikten (1, 2). Einige berichteten von psychischer oder körperlicher Gewalt in der Familie (2). Bisher gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass es tatsächlich zur befürchteten Zunahme häuslicher Gewalt gekommen ist.

Es ist gut möglich, dass das Ausmass der psycho-sozialen Folgen der Pandemie erst zeitversetzt sichtbar wird. Erste Studienergebnisse deuten darauf hin, dass dies gerade bei Kindern und Jugendlichen der Fall sein könnte.

Sind wir also «mit einem blauen Auge» davongekommen?

Wir würden sagen: Jain. Tatsächlich scheint die Mehrheit der Bevölkerung die Krise bisher psychisch recht gut verkraftet zu haben. Teilweise wurde sogar Positives in der Situation entdeckt, zum Beispiel mehr Ruhe und Entspannung (1). Aber:

  • Erstens: Die Mehrheit sind nicht alle. So häufen sich Hinweise darauf, dass die Auswirkungen der Pandemie besonders diejenigen treffen, die es bereits vor der Corona-Krise schwerer hatten (4).
  • Zweitens erscheint es zu früh, die Tragweite der Auswirkungen der Pandemie gerade auf das Befinden und das Zusammenleben der Bevölkerung abzuschätzen. Die Erfahrungen, die wir in dieser Pandemiezeit gemacht haben und machen, können mittel- und langfristige Auswirkungen auf unser Befinden und das Zusammenleben haben. Es ist also gut möglich, dass das Ausmass der psycho-sozialen Folgen der Pandemie erst zeitversetzt sichtbar wird. Erste Studienergebnisse deuten daraufhin, dass dies gerade bei Kindern und Jugendlichen der Fall sein könnte (5, 6).
  • Drittens: Die Krise ist noch nicht überstanden. Die Zahl der Neuinfektionen ist wieder gestiegen und liegt jetzt über der von Ende April. Zwar wurden im Sommer Lockerungen in Bezug auf Grossveranstaltungen beschlossen. Gleichzeitig weiten aber erste Kantone die Maskenpflicht aus. Zeichnet sich kein baldiges Ende der Pandemie ab, ist zu befürchten, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt. Immerhin ging im Juni gut ein Viertel der Bevölkerung davon aus, dass die Pandemie im Spätsommer 2020 ausgestanden sein würde (1). Es wird sich also erst noch zeigen, ob die Schweiz tatsächlich mit einem blauen Auge davongekommen ist oder ob es ein böses Erwachen geben wird.

 

Quellen:

  1. Bosshardt, L., Bühler, G., Bütikofer, S., Craviolini, J., Hermann, M., Krähenbühl, D., Müller, E. & Wüest, B. (2020). Die Schweiz und die Corona-Krise. Monitoring der Bevölkerung (12.06.2020). Zürich: sotomo.
  2. Krüger, P. & Caviezel Schmitz, S. (2020). «Leben zu Corona-Zeiten». Erste Befunde zu den Auswirkungen der Pandemie auf das Befinden und das Zusammenleben in der (deutschsprachigen) Schweiz. Luzern: Hochschule Luzern.
  3. Moser, A. (2020). COVID-19 Social Monitor. Zeitliche Entwicklung (22.07.2020).
  4. Langmeyer, A., Guglhör-Rudan, A., Naab, T., Urlen, M. & Winklhofer, U. (2020). Kindsein in Zeiten von Corona. Erste Ergebnisse zum veränderten Alltag und zum Wohlbefinden von Kindern. München: Deutsches Jugendinstitut.
  5. Caviezel Schmitz, S. & Krüger, P. (2020). Kinderleben zu Corona-Zeiten.
  6. Stoecklin, D. & Richner, L. (2020). Le vécu des enfants et adolescents de 11 à 17 ans en Suisse romande par rapport au COVID-19 et aux mesures associées (semi-confinement).

Seraina Caviezel Schmitz

Seraina Caviezel-Schmitz

Seraina Caviezel Schmitz

ist Psychologin und lehrt und forscht an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Institut für Sozialarbeit und Recht. Ihre thematischen Schwerpunkte sind soziale Wahrnehmung, Chancengleichheit und Gewalt.

Paula Krüger

Paula Krüger

Paula Krüger

ist Psychologin und promovierte Linguistin. Sie lehrt und forscht am Institut für Sozialarbeit und Recht der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Sie forscht zu Themen im Kindes- und Erwachsenenschutz, insbesondere zu innerfamiliärer Gewalt und der Verhinderung sekundärer Viktimisierung.

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